Wer bin ich, wenn mich niemand bestätigt?
In diesem Jahr habe ich beim Greator Festival in Köln einen Shaolin-Meister gehört. Ein Gedanke aus seinem Vortrag ist mir besonders geblieben:
Was hast du in dir gefunden, das durch ein Kompliment nicht größer und durch eine Beleidigung nicht kleiner werden kann?
Dieser Satz klingt zunächst einfach. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto tiefer wird er für mich. Denn er stellt eine sehr persönliche Frage:
Wie viel von dem, was ich über mich selbst denke und fühle, gehört tatsächlich mir?
Und wie viel davon braucht immer wieder die Bestätigung von außen?
Wenn das Außen unseren inneren Wert bestimmt
Ein Mensch macht uns ein Kompliment – und wir fühlen uns gesehen.
Jemand lobt unsere Arbeit – und wir fühlen uns kompetent.
Wir bekommen Anerkennung – und wachsen innerlich ein Stück.
Das ist menschlich. Und natürlich dürfen wir uns darüber freuen. Doch was geschieht auf der anderen Seite?
Jemand kritisiert uns.
Ein Mensch lehnt unsere Idee ab.
Wir werden übergangen oder fühlen uns nicht gesehen.
Und plötzlich beginnen wir zu zweifeln.
An unserer Leistung.
An unserer Wirkung.
Vielleicht sogar an uns selbst.
Genau hier wird es für mich spannend.
Denn wenn andere Menschen mir durch ihre Anerkennung etwas geben können, das mich innerlich größer macht – können sie mir dann durch ihre Ablehnung auch etwas nehmen?
Und wenn das so ist:
Wie sehr gehört mir dann eigentlich mein eigener Wert?
Das Bild vom weißen Blatt
Ich mag in diesem Zusammenhang das Bild eines weißen Blattes Papier.
Ein weißes Blatt ist weiß. Ganz gleich, ob jemand davorsteht und sagt: „Was für ein wunderschönes Weiß.“ Oder „Dieses Weiß gefällt mir überhaupt nicht.“
Das Blatt bleibt, was es ist. Das Kompliment macht es nicht weißer. Die Ablehnung nimmt ihm nichts von seinem Weiß.
Was wäre, wenn es auch in uns einen solchen Ort gäbe? Einen Ort, an dem wir wissen:
Das bin ich.
Das ist mir wichtig.
Dafür stehe ich.
Das sind meine Werte.
Das kann ich.
Und das ist mein Wert – unabhängig davon, wie andere mich gerade beurteilen.
Selbstführung beginnt im Inneren
Für mich hat dieser Gedanke sehr viel mit Selbstführung zu tun. Denn bevor ich andere führen kann, muss ich lernen, mich selbst zu führen.
Und Selbstführung beginnt nicht erst bei Zeitmanagement, Disziplin oder Zielorientierung. Sie beginnt viel früher. Bei meinem inneren Zustand. Bei der Frage, wie abhängig ich davon bin, was im Außen geschieht.
Natürlich berührt uns das Leben. Es gibt Erfolge und Niederlagen. Zustimmung und Ablehnung. Nähe und Distanz. Lob und Kritik.
Innere Stabilität bedeutet für mich nicht, all das nicht mehr zu fühlen. Es bedeutet auch nicht, Kritik an sich abprallen zu lassen oder sich für unfehlbar zu halten. Im Gegenteil.
Ein innerlich stabiler Mensch kann vielleicht sogar besonders offen für Kritik sein. Denn er muss nicht bei jeder kritischen Rückmeldung gleichzeitig seinen eigenen Wert verteidigen. Er kann fragen:
Was davon ist wichtig für mich?
Was kann ich daraus lernen?
Was möchte ich verändern?
Und was gehört vielleicht mehr zu meinem Gegenüber als zu mir?
Das ist ein großer Unterschied. Ich kann Kritik annehmen, ohne mich von ihr definieren zu lassen.
Vom ICH zum DU
Und genau hier beginnt für mich die Verbindung zu Führung.
Denn das, was in unserem ICH geschieht, bleibt nicht dort.
Es wirkt immer auf unser DU.
Wenn ich ständig auf Anerkennung angewiesen bin, werde ich möglicherweise auch als Führungskraft versuchen, Anerkennung zu bekommen.
Ich möchte gemocht werden.
Ich vermeide unangenehme Gespräche.
Oder Kritik trifft mich so sehr, dass ich mich verteidige, rechtfertige oder zurückschlage.
Vielleicht brauche ich Status, Macht oder Erfolg, um mich selbst zu bestätigen. Je sicherer ich dagegen in mir selbst stehe, desto freier kann ich anderen begegnen.
Ich muss sie nicht kleiner machen, um mich größer zu fühlen.
Ich muss nicht immer recht haben.
Ich kann zuhören.
Ich kann andere stark sein lassen.
Ich kann eine andere Meinung aushalten.
Und ich kann gleichzeitig klar bleiben.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Voraussetzungen für wirkliche Begegnung auf Augenhöhe.
Und daraus entsteht das WIR
Was im ICH beginnt, verändert irgendwann auch das WIR.
Denn Teams bestehen aus Menschen. Und Menschen bringen ihre inneren Sicherheiten – aber auch ihre Unsicherheiten – mit in jede Zusammenarbeit. Wo Menschen ihren eigenen Wert ständig verteidigen müssen, entstehen schneller Konkurrenz, Machtkämpfe und Silodenken.
Wo Menschen dagegen in sich selbst stabiler werden, entsteht Raum.
Für andere Meinungen.
Für unterschiedliche Stärken.
Für ehrliche Rückmeldungen.
Für Verantwortung.
Und für Vertrauen.
Deshalb ist persönliche Entwicklung für mich auch niemals nur Privatsache.
Sie hat eine direkte Wirkung auf Führung, Zusammenarbeit und damit letztlich auch auf den Erfolg eines Unternehmens.
Vielleicht geht es gar nicht darum, unberührbar zu werden
Ich möchte nicht an einen Punkt kommen, an dem mir die Meinung anderer Menschen egal ist. Das wäre für mich keine innere Stärke.
Ich möchte mich über ein ehrliches Kompliment freuen können.
Ich möchte berührt sein.
Ich möchte Kritik hören und mich fragen können, ob etwas darin steckt, das mich weiterbringt.
Aber ich möchte meinen Wert nicht davon abhängig machen.
Vielleicht ist genau das der Unterschied:
Offen für das Außen zu sein, ohne sich selbst an das Außen zu verlieren.
Und vielleicht ist das eine der größten Formen innerer Freiheit:
Etwas in sich gefunden zu haben, das durch ein Kompliment nicht größer und durch eine Beleidigung nicht kleiner werden kann.
Denn dann kann ich mich über Anerkennung freuen, ohne sie zu brauchen. Ich kann Kritik hören, ohne an mir zu zerbrechen. Und ich kann anderen Menschen begegnen, ohne von ihnen zu verlangen, mir immer wieder zu bestätigen, wer ich bin.
Dann gehört mir mein ICH ein Stück mehr selbst.
Und aus diesem ICH heraus kann ein anderes DU entstehen. Und schließlich ein stärkeres WIR.


