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Es ist eine unumstößliche medizinische Tatsache: Wir haben zwei Ohren – aber nur einen Mund! Und grade deshalb, so scheint es, sperren wir diesen viel öfter auf, als unsere Hörorgane. Wir plappern gerne vor uns hin, hören aber nur sehr ungerne zu.

Da die Weihnachtszeit als die Zeit, die gemeinhin als Monat der Besinnlichkeit gilt, möchte ich dazu anregen, gerade in dieser Stimmung in den nächsten Tagen einfach mal mehr andere zu Wort kommen zu lassen, also auf gut Deutsch: die Klappe zu halten – und die Ohren aufzumachen. Wirklich mal empathisch zuzuhören und auf die Gefühle, Probleme, Ängste oder Freuden des Gegenübers einzugehen – und seine Sätze nicht nur als Einstiegs-Vorlage für die eigenen Geschichten zu nutzen.

Im Norden setzt man gerne die Floskel „…, ne?“ ans Ende eines Satzes, in Mitteldeutschland „…, gell?“ und in Bayern„…, host mi?“. Reflexartig und ohne nachzudenken, wird diese Nachfrage, mit der sich der Redner eigentlich erkundigen will, ob der Inhalt seiner Erzählung vom Zuhörer auch wirklich verstanden worden ist, mit einem knappen „ja“ beantwortet. Mit diesem automatisierten „ja“ bestätigt der Zuhörer seine angeblich konzentrierte Anteilnahme – oft ohne ein Wort des Gesagten zu erinnern. Würde der Erzähler nachhaken und „was hab’ ich denn grade gesagt?“ fragen, stünden viele Zuhörer ziemlich auf dem Schlauch.

In Wahrheit hören erschreckend wenig Menschen anderen wirklich zu.

Und das passiert sicher nicht aus bösem Willen oder Desinteresse, sondern ganz einfach deshalb, weil wir viel zu sehr mit unseren eigenen Gedanken und Problemen beschäftigt sind, um auch noch die von jemand anderem aufnehmen zu können.

Die Taubheit gegenüber dem Gegenüber beginnt oft schon morgens am Frühstückstisch: Jeder ist gedanklich bereits unterwegs, mit dem Kopf schon im Job oder im Alltag. Doch gerade bei den Herzensmenschen und der Familie sollten wir mehr hinhören und große Aufmerksamkeit schenken. Denn immerhin wissen wir morgens überhaupt nicht, ob wir uns abends Wiedersehen.

Manchmal zerschlägt das Schicksal die Chance noch mal hinzuhören – so wie bei dem französischen Journalisten Jean-Dominique Bauby, der im Alter von 43 Jahren einen massiven Schlaganfall erlitt. Als er nach zwei Wochen im Koma erwachte, war er nicht nur stumm, sondern auch komplett gelähmt, bis auf das linke Augenlid. Sein Zustand ist als „Locked-in-Syndrom“ bezeichnet. Nichts hat der Franzose mehr bedauert, als an seinem lezten Morgen seiner Freundin und seinem Sohn nicht wirklich zugehört, ihnen keine Aufmerksamkeit geschenkt zu haben.

Mit übermenschlicher Willensanstrengung, da nur durch Blinzeln seines linken Auges, schrieb er ein Buch über seinen Zustand, das einweltweiter Bestseller wurde: „Schmetterling und Taucherglocke“.

Also: Mund zu – Ohren auf! Zuhören statt zutexten! Und sich wundern, wie bunt die Welt dann plötzlich ist – und wie facettenreich das Gegenüber.

In diesem Sinne wünsche Ich Ihnen ein besinnliches Weihnachtsfest – hören Sie Ihren Herzensmenschen zu, hören Sie nach innen und geben Sie sich dem Zauber dieser schönen Zeit hin

Herzlichst,

Ihre Regina Först

3 Kommentare
  1. Kathrin Schwabe sagte:

    Liebe Frau Först.
    Was für wahre Worte!
    Auch ich muss mich immer wieder im alltäglichen Stress zum Beispiel dazu zwingen, meinem Sohn und seinen vielen Geschichten zuzuhören.
    Die Empathie, die wir über unseren Ohren leben sollten, hilft uns auch selbst auf unserem Weg. Mindestens genauso wichtig ist die Empathie über unsere Augen, die uns sehr schnell offenbaren, wie es z.B.auch Fremden geht, ob Not am Manne und Hilfe geboten ist. Kaum jemand nimmt sich heute noch die Zeit und geht mit offenen Augen durch den Tag. Ich tue es und bekomme viel zurück :-)…
    Weihnachtliche Grüße
    Kathrin Schwabe

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  2. Anke Krabbes sagte:

    Dazu paßt ein kürzlich gelesener knackiger Spruch:
    „Hörst du zu oder wartest du nur ab, bis du wieder was sagen kannst“?
    Nachdenklich und doch fröhlich grüßt mit den besten Wünschen für 2015
    Anke

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