Was für ein emotionaler Höhenrausch! Was für eine kollektive Euphorie! Was für ein Triumph des „Wir“-Gefühls! Das letzte Spiel dieser WM wird wohl kein Deutscher so schnell vergessen und auch ich habe mich wahnsinnig über „unseren“ vierten Stern gefreut.

„Brasilien hat Neymar. Argentinien hat Messi. Portugal hat Ronaldo. Deutschland hat ein Team“, brachte es Englands Kapitän Steven Gerrard in einem Tweet auf den Punkt. Recht hat er – und das verdanken wir der genialen Strategie von Jogi Löw, der mit dem Sieg der deutschen Mannschaft genau die Fähigkeiten bewiesen hat, die gute Führungskräfte ausmachen: Er hat das Potential jedes einzelnen, von ihm in die Nationalmannschaft berufenen Spielers erkannt, gefordert und gefördert. Er hat ganz jungen und unerfahrenen Spielern wie Mustafi, 22, und Kramer, 23, eine Chance gegeben und auf ihren „Biss“ vertraut hat. Und er hat die „alten Hasen“ wie Schweinsteiger und Klose ihre Erfahrung ausspielen und den anderen Ruhe und Souveränität vermitteln lassen.

Jogi Löw hat den Begriff Team neu definiert: Er hat keine untrennbar zusammenhängende Masse, klobig wie ein Ozeandampfer, durchs Turnier manövriert, sondern eine Gruppe von 23 Individualisten aufeinander eingeschworen, deren Einsatz er je nach Bedarf variieren konnte. Hochkarätige Zahnräder, jedes mit unterschiedlichen Gaben und Qualitäten, die eine Maschine mit unschlagbarer Präzision, Durchhaltekraft geformt haben. Ein Team, dessen Teamgeist von Manager Bierhoff durch die wohngemeinschaftsartige Unterbringung im abgeschiedenen Resort Campo Bahia derart gefestigt wurde, dass sich Kapitän Lahm im Dienst der Mannschaft widerstandslos auf den Positionen hin- und herschieben liess.

„’Alle für Alle’ statt „Einer für alle und alle für einen’“, bringt der Stern in seiner aktuellen Ausgabe die Löw’sche Taktik auf eine kurze Formel. „Die wichtigste Lehre aus dem Weltmeistertitel lautet: Ohne Einzelkönner geht es nicht, aber diese Einzelkönner müssen sich in eine Gemeinschaft einpassen“, schreibt der Autor Andreas Hoidn-Borchers in dem Artikel „Das Wir-Gefühl“, der sich mit mit der Frage „Was unsere Mannschaft so einzigartig macht – und was wir alle von ihr lernen können“ beschäftigt, und bringt die Begriffe Anmut, Mühe, Leidenschaft und Verstand ins Spiel. Weil die etwas altmodisch klingen, setzt er noch ein paar andere, modernere Begriffe dazu: Disziplin, Kalkül, Siegeswille, Zusammenhalt, Coolness, Eleganz, Ehrgeiz und Fairness. Ich würde die Auflistung gerne noch um Intelligenz, Selbstbewußtsein, Eigenverantwortung und eine Prise gesunden Narzissmus und Egoismus ergänzen – zu phänomenaler Durchschlagkraft zusammengebraut durch Löws moderne Menschenführung: Das Wir-Gefühl der Mannschaft übertrug sich mit jedem Spiel mehr auf die gesamte Nation – England nimmt nach dem glorreichen Sieg unserer Elf den Begriff „Mannschaft“ in seinen Wortschatz auf.

Für mich hatte das Turnier aber noch einen ganz anderes Highlight: Emotionalität! Unsere abgekämpften Helden, die nach dem Spiel heulten, sich gegenseitig küssten und ihren Frauen und Kindern in die Arme fielen. Sieger, die menschlich sein durften – für mich der schönste Neben-Effekt der WM.

Herzlichst,

Ihre Regina Först